Hallo Körper…

Hallo mein lieber Körper,

wir haben uns noch nie richtig unterhalten. Ich weiß ich habe dich 35 Jahre lang ignoriert und nicht für voll genommen. Eigentlich war ich immer nur enttäuscht und unzufrieden mit dir. Das war nicht fair. Das erkenne ich jetzt. Du hast sehr unter meiner Missachtung gelitten. Dabei hast du dich so bemüht mir treu zu bleiben. Du warst kaum richtig krank, hast immer alles im Griff gehabt und warst immer für mich da als ich dich brauchte. Und was habe ich dir gegeben? Kummer, traurige Gefühle, Missachtung, Übergewicht, ungesunde Lebensweisen… ich war eine unwürdige Seele.

Nun müssen wir uns aber mal unterhalten. Ich möchte mich mit dir versöhnen. Ich weiß ich kann das niemals aufwiegen was ich dir angetan habe. Du kannst nichts dafür dass ich weiblich wurde, obwohl du ein Männchen bist. Du hast nur deine Aufgabe erfüllt, die man dir aufgetragen hat. Und du hast sie immer erfüllt, hast nie wirklich versagt. Ich will mit dir Frieden schließen. Nein, ich will dass wir Freunde sind. Beste Freunde. Denn ich habe erkannt dass du großartig bist. Du bist so flexibel und anpassungsfähig. Kaum dass ich den Entschluss gefasst habe endgültig weiblich werden zu wollen hast du angefangen irgendwie den Testosteronspiegel herunter zu drücken. Du gibst mir Halt. Du bist wiederum für mich da. Und ich möchte dir ein Angebot machen. Bitte lass uns beste Freundinnen werden.

Ich weiß ich habe da noch ein bisschen was unangenehmes mit dir vor. Du wirst gezwungen werden dich umzustellen auf Östrogen. Das Testosteron wird dann blockiert. Das wird anstrengend. Und dann werden wir eine OP machen. Das wird noch mal richtig anstrengend und sich eine kurze Weile sehr unnatürlich anfühlen. Ich kann dir das leider nicht ersparen. Ja, schon wieder habe ich unfaire Dinge mit dir vor. Aber dieses Mal machen wir das anders.

Ich werde dich achten. Ich bin dir dankbar. Wir zwei werden das durchstehen die nächsten 1-2 Jahre. Und dann werde ich dir etwas zurück geben können – Lebensgefühl. Wir werden eine Einheit sein. Du bekommst ein glatteres Hautbild, wirst gepflegt und gehegt, und ich gebe dir ganz wichtige Dinge – positive Gefühle. Ich werde glücklicher sein – vor allem deinetwegen. Denn ich erkenne schon jetzt wie wunderbar du bist. Mich stören nur noch Kleinigkeiten, nicht mehr deine pure Existenz. Und diese Kleinigkeiten bekommen wir hin. Nach der OP wird alles aufwärts gehen. Du bist mein bester Freund und ich deine beste Freundin. In guten wie in schlechten Tagen. Und die schlechten Tage werden sehr viel weniger werden. Ich werde dich höchstpersönlich streicheln wenn es sonst niemand tut. Wir werden Schwimmen gehen, spazieren, das Leben genießen. Und du bekommst die ganzen Glückshormone, zu denen ich dir nie Zutritt gewährt habe. Ich will gar keinen anderen Körper. Ich will DICH. Du bist mein Herzblut. Wir beide werden das schon hinbekommen. Ich vertraue dir. Dir wird was einfallen dass die Silhouette zu den Hormonen passt. Dir wird was einfallen dass die Brüste noch etwas femininer ausfallen. Du hast bisher alles hinbekommen. Du schaffst das. Und ich werde es schaffen auf dich acht zu geben. Dich nicht mehr zu ignorieren. Für dich da sein.

Mit herzlichem Gruß

Deine Rebecca

Honey don’t push your luck!

Guten Abend liebe kleine, aber treue Leserschaft.

 

Für die Ablehner moderner Anglisierung: „Süße, fordere dein Glück nicht heraus!“

Was will sie uns damit jetzt wieder sagen? Ja, das versuche ich auch gerade in extern verständliche Worte zu verfassen.

Ich bin, wie man ja unlängst lesen kann, sehr offen und eindeutig als Transmädchen unterwergs – auch beruflich und in allen anderen Lebenslagen. Weil ich es nicht mehr aushielt einen Schatten am Leben zu erhalten, aus dem ich inzwischen herausgewachsen bin. Ich rechnete mit einem Spießrutenlauf der Ablehnung und Vorurteile. Tatsächlich blieb dieser eher aus. Die ersten Tage waren sehr befreiend und aufregend, trat man mir doch in den meisten Fällen eher mit großem Lob für diesen mutigen Schritt entgegen. Doch ist der Schleier des Zaubers erst einmal gelüftet, schleicht sich natürlich auch wieder der Alltag ein. Ich merke, dass auch skeptische, verständnislose Blicke auf mir liegen. Man wagt es nicht mich anzupöbeln, immerhin ist es ein berufliches Umfeld, in dem für Belästigung schnell drakonische Strafen blühen. Doch dieses Schweigen und diese Ignoranz ist natürlich spürbar. Wenn man jemandem gegenüber tritt, der einen dann bei weiteren Kollegen wieder als „der Herr XXX“ betitelt, obwohl man ihm mit Handtäschchen und TITTEN gegenübersteht. Ja, das ist schon irgendwie Ignoranz. Aber gut, es ist bedächtiger als ich es befürchtet habe, also… muss ich da durch. Die Zeit wird es irgendwie kitten, wenn ich ENDLICH mal Hormone erhalte und Stück für Stück nicht mehr so als Kerl auffalle, sondern mehr als Frau automatisch durchgehe. Stimmlich aktuell noch eine Katastrophe. Ich werde auch bei Unbekannten am Telefon immer als Herr erraten. Furchtbar. Wir bleiben also bei dem Thema, dass ICH der ganzen Welt etwas beweisen muss, damit sie es akzeptiert.

Aber kommen wir jetzt mal zum eigentlichen Aufhänger dieses Artikels; das Glück herausfordern.

Ja, viele finden es stark und selbstbewusst von mir, mich klar zu outen und zu präsentieren. Und wollen dann hinter mir stehen. Bisher bin ich niemandem in der Firma aufgefallen. Jetzt erhalte ich Facebook-Freundschaftsanfragen aus allen Richtungen. Ja, zumindest werde ich jetzt GESEHEN und falle auch irgendwie scheinbar als spannende Person auf, statt nur als graue Maus. Ich bin einfach ich, und auch wenn das eben nicht allen gefällt, manchen aber schon, ist das eben endlich mal ein klares Statement, eine Identität, und nicht nur Mitläufertum, das in der Masse untergeht.

UND IN ALL DER EUPHORIE … werde ich natürlich übermütig. Ich halte mich für stark und mutig, so wie man es mir auch suggeriert, und glaube an das Gute im Menschen. Das verfolgt mich ja schon ewig. Ich wirke pessimistisch und frustriert, aber ich bin eine wahnsinnige Optimistin. Immer und immer wieder. Nichts kann das endgültig zerstören. In dem Sinne bin ich wirklich stark, ich falle und stehe immer wieder auf.

Doch in meiner Euphorie hielt ich mich für distanziert genug, dass ich einfach mal was probieren wollte und ganz gewiss mit Konsequenzen locker umgehen könne – dem Versuch JETZT in meiner Transitionsphase nach Lebenspartnern die Fühler auszustrecken. Ich hielt es nicht für ertragreich, aber ich wollte jetzt einfach mal wissen wie die „moderne“ Welt auf mich reagiert. Also hab ich mich mal bei ein paar Dating-Apps angemeldet. Ist ja nichts dabei. Und es war zunächst auch eher amüsant. Wie schon vorher mal erwähnt habe ich an einem Abend fünf unaufgeforderte Penisbilder erhalten (lecker, aber… äh, was soll das?), und hätte 35x in EINER Nacht spontanen Sex haben können. Hätte … aber so bin ich ja nicht.

Dummerweise(?) ist mir auch eine Person begegnet, die aus der Masse heraus stach. Wir führten lange, schöne Gespräche, wurden ehrlicher zueinander und erzählten einander viele intimere und persönlichere Dinge, weil es einfach so gut passte. Ich war begeistert. Und gleichzeitig warnte ich mich, nicht zu viel zu erwarten und mit Enttäuschungen rechnen zu müssen. Also bleib locker Rebecca, kann auch schief gehen. Sei dann nicht traurig, ist halt Dating über’s Internet. Das war damals schon der letzte Mist, und wird es heute immer noch sein. Aber naja, blauäugig und dumm hat er mich natürlich doch irgendwie begeistern können. Vor allem – ein ER! Ja, ich wurde durch einen Mann becirct. Es ist also möglich, ich bin also dazu imstande. Wichtige Selbsterkenntnis. Die kann mir keiner mehr nehmen.

Die Realität war aber, dass wir bis zur Verabredung eines Dates kamen, einander unbedingt kennen lernen wollten. Und kurz vor der Absprache des Ortes und des Zeitpunktes … Funkstille. Weg war er. Die ganzen Avancen von einem zum anderen Moment verstummt. Und ich Dummerchen fragte ihn noch besorgt, ob alles in Ordnung sei…ob es zu schnell ginge…ob irgendwas schief gelaufen sei…. NICHTS.

Er hat auch von meinem Blog erfahren. Sollte er das hier also lesen:

Ich werde nicht so tun als wäre mir das egal. DU tust mir weh, weil ich dich an mich heran gelassen habe. Weil ich dir vertraut habe. Und weil du mich jetzt einfach fallen lässt. Wenigstens eine Erklärung bist du mir schuldig! Und wenn es nur ein „ich hab es mir anders überlegt. Lass gut sein.“ ist. Wenigstens das.

Ich bin enttäuscht. Ja, das habe ich nun davon, dass ich mich nach langem Zögern doch geöffnet habe – Zurückweisung. Das ist wohl gerade für mich etwas, was täglich vorkommt, aber wenn es mal ausbliebe, das schönste auf Erden wäre … keine Ablehnung und Zurückweisung. Denn auch ich träume davon begehrt zu werden. Das ist menschlich und normal. Damit zu spielen ist absolut daneben. Und sei es nur durch die Feigheit wenigstens dazu zu stehen dass man einen Menschen, den man entflammt hat, wieder zurückweist.

Sollte ich also aktuell etwas melancholisch erscheinen, so ist es DIESEM HERRN verschuldet, dass ich erneut erkennen darf, dass man, gerade wenn etwas gut zu laufen scheint, sein Glück nicht herausfordern sollte. Oder es tritt zurück. Mit Pfennigabsätzen mitten in den Magen.

Ich bin nun wohl doch eine unterhaltsame Monstrosität wie in einem Zirkus, die man ja mal als Trophäe flachlegen will um bei den Kumpels zu prahlen, aber ernst nehmen werden mich die wenigsten. Das wird ein steiniger Weg. Ich werde wenige Menschen um mich haben. Aber die taugen dann wenigstens was.

Mein Bett bleibt leer, das Herz bleibt kalt, so werde ich einsam, aber alt.

Danke, dass diese Welt immer noch dominiert wird von Arschlöchern, die die Würde ihrer Menschen nicht achten und auf deren Kosten ihr persönliches Vergnügen nähren.

Aber wie ich bereits vorhin erwähnte. Ich falle. Ich stehe wieder auf. Es wird wieder. DU brichst mich nicht.

Das Sozialexperiment… oder: Rebecca auf dem Silbertablett

Rebecca mal wieder auf mutiger Offensivtour…

Heute:

Was passiert, wenn man sich in Apps wie Tinder, Lovoo und Badoo anmeldet als Transmädchen?
Zunächst mal: Es gibt nur männlich und weiblich. Andere Geschlechter sind diesen „wir verbinden Menschen“-Plattformen wohl noch unbekannt.
Also geben wir mal eine ehrliche Antwort: weiblich.

Was sieht denn mein Gegenüber von mir? Hm, Name und Bild. Wenn man drauf tippt kann man sogar eine eigens formulierte Beschreibung sehen. OK, setzten wir mal mein Bild ein und beschreiben ganz offen, dass wir transgender sind, aktuell noch biologisch männlich, aber nicht mehr so lange. Und dass wir eigentlich auch nur auf der Suche nach netten Menschen, Bekanntschaften, und vielleicht der Liebe unseres Lebens sind.

Tja, wie funktionieren diese Plattformen eigentlich? So oberflächlich wie möglich. Man blättert durch die Vorschläge der anderen User in der Nähe (man kann immerhin angeben wonach man sucht – auch hier: Männer oder Frauen, manchmal kann man beides ankreuzen), und wischt nach links für „nö danke“ und nach rechts für „lecker“. Man könnte auch erst drauf tippen und das wahnsinnig aussagekräftige Profil durchforsten. Hier sind dann Eingaben ausgewählt wie Raucher/Nichtraucher, Single/Es ist kompliziert, Chat/Freunde/Bekanntschaften, Wohnsituation, … und weniges mehr. Und die Beschreibung, die bei 90% der User nicht gepflegt wurde. Am Ende machen es wohl viele auf die oberflächlichste Art und Weise; durchblättern und anhand eines einzigen Bildes entscheiden, ob man die Person scharf oder doof findet.

Somit Problem Nummer eins: kaum eine(r) hat meine Info gelesen. Und ich wusste gar nicht dass das Passing anhand meines Bildes schon so gut funktioniert. Es beginnt meist mit „Hey Süße“ und geht weiter mit „hast du Bock zu ficken?“. Yoah. Irgendwie klar, oder? Aber es gibt auch welche, die einfach nett kommunizieren wollen.

Alle frage ich kurz freundlich ab, ob sie meine Info gelesen haben und das für sie OK ist. 95% reagieren mit einem „Hä? Oh, hab ich gar nicht gesehen“ und daraufhin schweigen wiederum 95%, die anderen 5 % fragen mich aus und finden das spannend. Manche wollen dann unbedingt Sex mit mir probieren, andere betrachten mich als spannende Kuriosität, aber das ursprüngliche Interesse einer Romanze ist futsch.

Nun, und die 5%, die tatsächlich vorher meine Info gelesen haben, sind auch ulkig. Einer hat tatsächlich ein Fable für Transfrauen und bemüht sich mich um den Finger zu wickeln, und der Rest will unbedingt Nacktbilder, intime Details und schnellen Sex.

Soweit so gut. Oder eben nicht gut. Sehr interessant wie oberflächlich das ganze abläuft. Fast schon zu klischeehaft wie zu erwarten. Ich vermute mal, euch natürlich geborenen Mädels da draußen geht es genauso? Viele indiskrete Sexangebote, und einer ist cooler und unwiderstehlicher als der andere? Ich kann dann noch Schaulustige anbieten.

Mein Bild ist nicht gefaked, aber ich bin natürlich geschminkt und zeige mich von meiner Schokoladenseite. Gut zu wissen, dass entweder das Angebot an Damen in diesen Plattformen zu gering ist, oder ich tatsächlich eine gewisse Attraktivität besitze. Ich gehe jetzt mal überoptimistisch von letzterem aus.

Gut, dass ich über Vorurteile erhaben bin und mir bewusst ist (aus wortwörtlich eigener Erfahrung!), dass es auch sehr viele anständige Männer gibt. Aber diese Repräsentanten sind echt teilweise zutiefst peinlich. Und sie wagen es, nachdem man sie eigentlich auf den Boden der Tatsachen zurück geohrfeigt hat, trotzdem noch nach Whatsapp zu fragen. Klar, ich trau dir nicht und gebe dir aber selbstverständlich noch mehr Möglichkeiten, meine Privatsphäre zu betreten.

Wie gut, dass ich mir sowas insgesamt schon dachte und einfach nur Langeweile hatte. Bis auf 2-3 Personen, denen ich noch auf den Zahn fühle ob sie eigentlich ernsthaftes Interesse haben (ich bezweifle es noch sehr, bin aber neugierig ob und wie sie sich verraten), kann ich also sehr viel abzuhakendes Entertainment auf Talkshow-Niveau resümieren.

 

So, und jetzt mal im ernst: Wie und wo findet man tolerante, weltoffene Menschen? Als Plauderkumpel(inen), zum Ausgehen, und vielleicht sogar mit romantischer Zukunft? Also, und das jetzt noch als unabgeschlossene Transfrau? Ein Fass ohne Boden?

Wir sind ja schließlich auch Menschen, die ihre Gefühle mit sich herum tragen, und eventuell ein ganz normales Leben leben, zu dem auch ein Freundeskreis und eine Partnerschaft zählen könnte/dürfte/sollte.

Ich persönlich würde mich ja inzwischen als „pansexuell“ bezeichnen. Ich interessiere mich für MENSCHEN. Am Ende zählt die zwischenmenschliche Sympathie, und dann ist mir egal ob die Person dann männlich, weiblich, transmännlich/-weiblich, oder einer anderen Geschlechtsform angehört. Wo Zuneigung, da körperliche Wege sich näher zu kommen, wenn gewünscht.
Bin ich damit alleine? Dann gäbe es keinen Begriff dafür.

Mission accomplished…

Phase 3 ist abgeschlossen. Ich bin heute das erste Mal offen als Rebecca auf der Arbeit erschienen. So wie geplant und angekündigt. Und die Reaktion war eher positiv. Sicher, es gab einige verwunderte Blicke, aber sofern Aufklärung möglich war, war das Eis meist schnell gebrochen. Das ist das Feedback der meisten: Respekt für den mutigen Schritt! Ich/Wir stehen hinter dir. Diesen Satz hätte ich ja gerne von meiner damaligen Ehefrau gehört, aber diese erfreut sich eher daran mir das Leben mit anwältlichem Rosenkrieg zur Hölle zu machen. Egal wie häufig ich mein Interesse an einer gütlichen Einigung betone. Sie muss ihre Enttäuschung wohl so artikulieren. 

Ich mache mich jetzt an Phase 4: die Krankenkasse in die Pflicht nehmen. Ich habe alles auf mich genommen, obwohl ich mich alles andere als anatomisch bereit sehe. Ich lebe meine Erprobung, und das ist alles gut so. Doch jetzt muss es weiter gehen. Jetzt muss auch biologisch etwas passieren. Ich will September/Oktober Übernahme für die Hormone, und ich will jetzt eine vorläufige Zusage, dass ich mich in die Wartelisten der in Frage kommenden Kliniken eintragen kann für eine GaOP. Es wird Zeit. Mein Entschluss ist endgültig. Jede Diskussion überflüssig. Egal wie lange man mich prüfen und verzögern will. Das wäre nur herausgeworfenes Geld in Therapie. Ich bin so weit. Hier und Jetzt. 

Rundum ein positives Fazit; die Welt um mich herum ist tolerant und ziemlich OK (abgesehen von meiner Ex-Gattin, deren Liebesbekundungen all die Jahre wohl nicht ohne Bedingungen waren). Wo ein Wille da ein Weg. Und aus der Not reift der Wille. 

Phase 2!

Ich hab’s erneut getan. Ich habe die Kollegen zusammen getrommelt und mich geoutet. Einige waren gefasst, andere hatten es schon geahnt. Offenbar doch ein sehr liberaler Haufen. Schön. Ich bin begeistert. Ich könnte Purzelbäume schlagen, wenn ich nicht so unsportlich wäre. Sähe wohl eher aus wie ein betäubtes Frettchen, das man eine Treppe runter wirft 😉

Nun ist es an mir wann ich endlich als ich erscheinen möchte. Am liebsten gestern. Aber das sollte jetzt gut geplant werden. Ich brauche arbeitstaugliche Kleidung, muss mein Morgenritual überarbeiten. Früher aufstehen, schminken…was für ein Stress. Für mich. Ein Morgenmuffel. Puh.

Aber es ist vollbracht. Beinahe meine ganze Umwelt weiß es nun. Ich kann gemächlich durchstarten. Yeah. Mein Herz rast, und ich denke ich habe nun einen Sekt verdient. Der steht neben mir und prickelt. Wenn ihr mich nun entschuldigt, der Sekt wird warm…

Dieser Eintrag wurde am August 2, 2016 veröffentlicht. 2 Kommentare

Pre-Phase 2

Heute wollte ich es tun. Mich outen vor den Kollegen. Doch stattdessen war ich mal wieder hektisch im Außeneinsatz, weil an einem Standort wieder alles schief gelaufen war und der neue Kollege schon wieder gekündigt hat und nun „erkrankt“ ist. Bin also ich wohl zukünftig erst mal wieder die Außenschlampe 😉

War also nichts mit dem Zusammentrommeln aller Kollegen. Aber ich bleibe am Ball. Morgen versuche ich es wieder.

Rebecca erwacht.

In the shadows…

Wochenende. Rebecca allein in Wien. Naja, allein? Mit fremden Mitarbeitern des Unternehmens, für das ich tätig bin. Und in dem ich offiziell noch „er“ bin. Denn wie im vorhergehenden Post beschrieben ist Phase 2 und 3 noch in Arbeit. Also muss ich wieder Versteck spielen. Und das nun am Wochenende. Wochenenden gehören also ganz klar meinem jetzigen Ich und sind immer sehr befreiend.

Und so kam es dass ich nach der Arbeit mit den „Jungs“ (Chef vom Chef war da, der Abteilungsleiter Wien nebst Gattin, und zwei partylustige Lagerarbeiter) aufbrechen „musste“ (soziale Verpflichtungen…), um zu Abend zu essen und Wien zu erkunden.

Der Eindruck, den ich wohl hinterlassen habe, ist folgender; ist komisch, still, steht nur so dabei.

Ja, das ist absolut korrekt. Denn innerlich ging bei mir eine halbe Welt unter. Ich musste „er“ sein. Doch bin es nicht mehr. Es war Freizeit, also kein Job mehr. Keine mir noch aktuell bekannte Rolle. Eine Farce, die ich nicht mehr gewohnt war. Ich kam mir deplaziert, fremd vor, und fühlte mich in mir selbst unwohl. Und dann kamen da diese blöden Fragen. „Warum hast du eine Tasche dabei?“. „Warum hast du so eine komische Frisur?“.

Orrrrr, ich trage eine Tasche weil Mädchen das so machen! Da ist mein Deo drin, Schlüssel, Geldbeutel, Notjäckchen….. und so weiter!!!
Und meine Frisur ist ein zurückgebürsteter Pagenschnitt, der mir gar nicht mal so schlecht steht. Als Kerl eben jetzt kaschiert!

Natürlich habe ich diese Antworten gedacht, aber nicht ausgesprochen. Ich wollte mich nicht bei den entferntesten Mitarbeitern als erstes outen. Die waren eh nicht so meine Wellenlänge. Und es war fast unerträglich gruselig sie zu belügen und ich war echt einfach nur noch genervt davon, wie sehr ich meine Mitmenschen anlügen muss um „normal“ zu wirken. Das war früher mein Ich. Aber das bin ich nicht mehr. „Er“ ist einfach nicht mehr da. Nicht mehr so, wie es noch vor zwei Jahren funktionierte. Ein Schatten, der mich verfolgt, solange ich meinen Mitmenschen etwas vormache. Und so war dieses Wochenende eine emotionale Achterbahnfahrt, die ich nie wieder erleben möchte. Dabei war Wien eigentlich echt eine schöne Stadt. Nur ICH war nicht dort, sondern eine Lüge, die mir den Hals zuschnürte.

Das Fazit eines solchen Wochenendes kann nur sein: OUTE dich. JETZT! Bring es zu Ende! Dein altes Leben ist vorüber. Es macht keinen Spaß mehr, es erdrückt dich. Es widert dich an. Du musst da jetzt raus.

Somit werde ich Phase 2, das offizielle Outing bei den Kollegen, seeeehr bald durchziehen. Was habe ich noch zu verlieren? Nicht mehr viel ehrlich gesagt. Ich kann nur etwas gewinnen: Authentizität und Lebensfreude. Und Phase 3 bereite ich auch schon vor. Ich hole mir Kleidungstipps bei jedem den ich fassen kann (die arme Freundin meines Mitbewohners), werde nächstes Wochenende meine Eltern besuchen und mit meiner Mama shoppen gehen…

Ich will jetzt endlich, dass das Versteckspiel ein Ende nimmt. Es widert mich an. Ich fühle mich eingeschürt und erwürgt. Mehr als bisher in meinem Leben. Ich habe ja schon Freiheit geschnuppert in der Freizeit. Und das bin ICH. Und das muss jetzt so bleiben.

Vive la transition…

Ich hab’s getan (Phase 1)

Nachtrag für letzte Woche Donnerstag, da am Wochenende alles drunter und drüber ging…

Ich hab’s getan! Ich hab’s getan! Ich bin am Donnerstag letzte Woche zu meinem Chef marschiert und habe mich ihm anvertraut. Mich geoutet. Ihm meine Situation geschildert. Und er war überraschenderweise ganz entspannt. Das wäre kein Problem. Er würde sich zunächst mal bedeckt halten, aber intervenieren wenn es zu Problemen käme. Das Tempo und den Weg läge in meinem Ermessen.

Ich bin begeistert. Auch wenn wir uns in letzter Zeit gut vertragen und ich daher dachte es wäre eine angemessene Geste des Vertrauens bei ihm zu beginnen, so war ich ja doch etwas ängstlich, ich könnte mich irren und mein Arbeitsleben dank „Praxistest“ vor die Hunde gehen. Doch aktuell sieht es noch nicht danach aus. Allerdings ist das nur Phase 1. Es folgen für mich noch zwei weitere Phasen.

Phase 2 ist das Outing vor allen Kollegen. Phase 3 das tatsächliche Erscheinen als Rebecca. Und das sind noch ganz große Schritte. Immerhin bin ich von einer Horde testosterongesteuerter Nerds umgeben, bei denen ich mir echt nicht sicher bin, ob sie das ganz locker sehen, oder arg damit zu kämpfen haben es zu akzeptieren. Eigentlich geht die mein Privatleben gar nichts an, aber ab einem gewissen Punkt muss man Dinge mit der Welt teilen, um Verständnis zu ernten. Irgendwann lernst du als Transmensch, dass dein Leben eine öffentliche Veranstaltung ist. Und nur mit dem Kopf voran kannst du das durchstehen. Angriff ist die beste Verteidigung. Und das aus meinem Munde, einer kleinen Schisserin, die sich generell am liebsten zu Hause einsperrt. Ist ja nicht so dass ich nicht eh mit meinem Selbstbild zu kämpfen hätte. Hinter jedem Lächeln steckt auch ein Mensch mit Ängsten und Sorgen. Mein Lächeln ist auch nur ein schwebendes Konstrukt. Denn dieser „Leidensdruck“, von dem die hochnäsigen Psychologen und Amtsärzte da ständig schwafeln, ist mehr als nur eine Depression. Es ist die Freude, man selbst sein zu dürfen, mit der Scham und der Angst, in der Öffentlichkeit entblößt zu werden. Nicht nur körperlich (Ärzte, OP…), sondern eben auch seelisch. Du kannst dich nicht vor andere stellen und sagen „ich bin transsexuell („Transidentität“ hat ja eh noch keiner gehört…), ich werde ab nächster Woche als Frau zur Arbeit kommen“, ohne die Bereitschaft, deinen Mitmenschen die Angst zu nehmen und ihnen Rede und Antwort zu stehen. Sie werden Fragen haben. Und das ist die beste und vor allem EINZIGE Chance das Eis zu brechen und den Alltag jemals wieder in Gang zu bringen. Die müssen sich ja nicht erklären. Sie sind ja „normal“. Das kennen sie nicht. Ich bin hingegen „anders“, daher muss ICH Schritte auf andere zugehen. Und wenn du bereit bist zu erklären und aufzuklären, dann hast du die Chance, dass die „Normalen“ dich wieder aufnehmen und akzeptieren. Das ist nicht fair, aber der einzig praktikable Weg. Also spielt Rebecca Erklärbärchen. Bald. Mit all der Angst die sie als wackeliges, unterdrücktes Mädchen mitbringt. Ja, eine Transidentität stärkt das Selbstvertrauen. Du musst alles selber in die Hand nehmen und Stärke zeigen. Für dich, für andere. Du musst ALLES managen. Vorbei ist das Versteckspiel hinter einer vorgegaukelten Normalität. Der erste Schritt, für sich selber endlich einzustehen, ist getan, und viele weitere folgen unweigerlich.

Dieser Donnerstag hatte es eh in sich. Um es nur kurz zu skizzieren:

Morgens früh: Mir platzt ein Reifen auf der Bundesstraße. So stehe ich also früh morgens (5:45 Uhr) auf einer Abfahrt (Standstreifen sind in der Pfalz irgendwie unnötiger Luxus) und wechsle ein Rad. Hmpf. War ziemlich genervt.

Vormittags: Mir platzt die Geduld und ich marschiere zum Chef und frage, ob er kurz Zeit hat. Ich hätte da ein privates Anliegen. Den Verlauf habe ich ja bereits erzählt.

Mittags: Ich erfahre, dass ein Kollege krank geworden ist, und ich offensichtlich die einzige andere Person bin, die für die Firma nach Wien fahren kann. Gewissermaßen freiwillig (höhö) erkläre ich mich also dazu bereit.

Nachmittags: Absoluter Stress; noch einen Trolly kaufen (hab ja seit der Trennung nicht mal mehr einen Koffer oder sowas), gleich noch ein bisschen Shoppen gegangen (coole Shirts entdeckt)

Abends: Freude, mein erstes Gutachten ist in Kopie endlich angekommen. Jippie. Das erste amtliche Dokument, dass mich als transidente Person beschreibt. Endlich was auf dem Papier. Begeisterung.

Abends bis nachts: Packen. 4h Schlafen. Um 4 losfahren. 755km nach Wien. Doch das wird eine andere Geschichte…

Sommer, Sonne, Röckchenzeit… :)

Hallöchen 🙂

Auch wenn bei dieser Hitze das Arbeiten und Bewegen anstrengend und schweißtreibend ist, so hat es doch als Mädchen so seine Vorzüge.

Ich genieße es gerade, dass ich nicht mehr am Leibe trage als ein Höschen, ein Röckchen und ein Spaghettiträger-Top. Jepp. Links und Rechts fallen schon nicht raus. Bin ja noch recht schwach balkoniert 😉

Aus allen Richtungen weht der Wind über meinen Körper. Ist das erfrischend. Naja, zum Glück gibt es ja noch Wind, sonst wären wir echt aufgeschmissen.

Natürlich überkommen mich Ideen, die so noch nicht gehen. Bikini und Schwimmbad zum Beispiel. Wahrscheinlich werde ich da noch ein oder sogar zwei Jahre warten müssen, bis mein Unterleib formschön in eine Bikinihose passt, ohne sich zu wölben… nervig.

Ich habe keine Ahnung was aus mir mal werden wird, aber ich habe das erste Mal im Leben das Gefühl dass es wert wäre meinen Körper zu pflegen und zur Schau zu stellen – in gesundem Rahmen natürlich. In 1-2 Jahren kann ich vielleicht wirklich kurze Röcke und Kleider tragen. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl dass mich das reizen könnte. Ein bisschen unanständig veranlagt bin ich ja schon. Bisher war nur nichts zum Zeigen da. Nichts, was ich als sehenswert empfand. Nun ja, ich habe eh noch ein paar Pfunde zu viel, und die auch noch an den falschen Stellen. Ich habe zum Glück keine Eile die angepeilten 15 kg abzuarbeiten. In 1-2 Jahren ist das wohl zu schaffen. Wobei ich natürlich gerne gestern fertig wäre und heute nur noch halten müsste. Aber das ist ein anderes Kapitel. Geduld. Das war nie so meine Stärke, aber das Leben lehrt mich gerade Geduld – an allen Ecken und Kanten. Vorfreude, Ungewissheit und Geduld. Aber ein paar Sonnenstrahlen auf den Kopf und ich spüre wieder Lebensfreude. Es wird schon. Du musst nur weiter deinen Dickkopf voraus schicken. Noch einen ticken mehr Mut, dann sag ich meinem Arbeitgeber was ansteht. Ich bin ganz kurz davor. Das richtige Timing finden, nicht mitten im Stress und in Reibereien. Irgendwann in einem friedlichen Moment. Mein Chef scheint mich eh irgendwie ins Herz geschlossen zu haben. Keine Ahnung warum. Vatergefühle, Sympathie… wer weiß. Ich hoffe nur er steht nicht im geheimen auf feminine Jungs 😉 Paranoia, aus, sitz!!! Hol Stöckchen…. ach ne, behalt’s lieber. Brauch ich nicht mehr.

Das feminine Gefühl keimt auf. Es ist nicht nur reine Kopfsache, es kommt auch emotional auf. Dabei habe ich noch kein einziges Hormonpräparat gesehen. Ich schaue in den Spiegel und denke mir: „Das wird schon. Wir kriegen das hin. Ein bisschen hier, ein bisschen da. Es ist erreichbar.“

Endlich glauben mein Körper und ich gemeinsam daran, dass ich sicher ein süßes Mäuschen werde. Da ist potential. Etwas, das ich akzeptieren könnte. Das erste Mal in meinem Leben beschleicht mich das Gefühl dass es eine Chance gibt mich selbst akzeptieren zu können. Es ist nicht unüberwindbar. Es ist nur einige Baustellen entfernt. Manche nimmt ein Chirurg in Angriff, andere die Medikamente. Den Rest werde ich mir vom Munde absparen. Aber ich bin bescheiden. Sofern sich nicht überhaupt nichts tut, werde ich einfach akzeptieren welche Körbchengröße das Schicksal parat hat. Und ich werde akzeptieren, wohin sich meine Gesichtszüge entwickeln. Das wichtigste bin Ich – innen und unten rum. Es muss nicht perfekt sein, nur richtig. Es gibt so viele verschiedene Nuancen und Formen weiblicher Genitalien – Hauptsache, sie funktioniert und ist ansehbar. Was anderes hätte ich gebürtig auch nicht bekommen. Man muss mit dem Spielen was man kriegt. Mir gefiel nur das Spiel nicht. Ich brauche keine Kaufhaustitten, keinen Vagina-Schönheitswettbewerb, keinen Schlankheitswahn. Einfach normal sein. Echt sein. Kein Silikon unter der Haut, keine künstlichen Implantate. Was man in einer notwendigen OP formt ist aus MEINEM Fleisch, und so will ich auch bleiben. Ich würde mich sehr freuen wenn ich unter Hormomen irgendwann kein Make-Up bräuchte. Wenn ich könnte, aber nicht müsste. Denn ich will authentisch sein. Von innen nach außen echt und lebensfroh. Ich bringe alles mit. Den Rest entscheidet das Schicksal.

So lange genieße ich die Sonne und träume von morgen. Wenn das Röckchen eine Hüfte und einen Po betont, der passt, und wenn das Top sich eng an meine Brüste schmiegt. Denn ich bin eine Frau. Darauf darf man auch mal stolz sein. Meistens sind wir ja doch recht putzig anzuschauen.

Wobei Kerle ja auch ganz nett anzusehen sind, wenn sie sich pflegen. Und damit meine ich nicht übertriebene Bizeps und den Waschbrettbauch. Das ist nicht meine Vorstellung von einem Traummann. Zu künstlich. Aber ein Kügelchen muss er auch nicht sein. Eher so normal und gepflegt. Und passend zu meinem hysterischen Naturell sollte er Ruhe bewahren können und ein fantasievolles, lebensfrohes Kerlchen sein. Und im Schlafzimmer ein rücksichtsloses A… egal, das gehört hier nicht hin. Hoho, man sieht, meine sexuelle Orientierung ist ganz klar ebenfalls in Bewegung. Vielleicht ist mein passendes Deckelchen ja doch keine holde Maid, sondern eher ein Traumprinz? Wir werden sehen. Es probieren werde ich auf jeden Fall. Vielleicht ist mein Interesse an Frauen nicht alles. Vielleicht bin ich flexibel. Vielleicht passt menschlich gesehen eher ein Mann an meine Seite. Ich bin selbst schon so schrecklich kompliziert, vielleicht muss nicht noch eine Frau in diesen Strudel. Vielleicht passe ich gut zu einem Mann? Wir werden sehen. Die Zeit wird es zeigen. Jungs, ich habe viel zu bieten. Ich stand mal auf der anderen Seite. Ich habe so Ahnungen was euch gefällt. Und ich weiß mehr als nur Klischees über euch. Ich weiß, dass ihr auch Gefühle habt. Und dass ihr es anders zeigt als wir. Wir werden uns bestimmt verstehen.

So, jetzt noch ein bisschen Sonne tanken auf dem Balkon, und dann ab ins Bettchen. Frühschicht. Früüüüh aufstehen. Meine Achilles-Verse…

 

Ein Stein kommt ins Rollen

Halli Hallo.

Kommenden Montag ist mein zweiter und letzter Gutachtertermin für den Antrag auf Personenstandsänderung. Auch wenn der erste Gutachter den zweiten Kollegen kannte und mich beruhigte, dass auch dieser bei meinem Fall recht klar nicken wird, bin ich dennoch aufgeregt. Egal wie einfach und ersichtlich die Prüfung ist, es geht hier immerhin um etwas. Um meine Zukunft. Meine Identität. Also … bin ich langsam wieder aufgeregt.

Nach diesem Termin müssen die Gutachten nur noch geschrieben und dem Amtsgericht zugesandt werden. Das machen die Gutachter von sich aus, da sie ja auch ihren Auftrag vom Amtsgericht erhielten. Vom ersten Gutachten habe ich immer noch nicht wie erbeten eine Kopie zugesandt bekommen. Ich kann also davon ausgehen, dass es noch in einem Stapel Arbeit beim Psychologen rumliegt. Dabei sehne ich mich so sehr nach einem Stück Papier. Ein erstes Stück Papier, das ganz klar von einem Spezialisten formuliert besagt, dass ich wirklich Transgender bin. Alles andere ist unter Verschluss beim Psychologen und vertraulichen Arztakten und für mich nicht als Vorlage oder Beweis für irgendwen verwendbar. Verständlich also, dass ich gerne was in Papierform in Händen hätte, um sowohl Krankenkasse, als auch alle anderen relevanten Bezugspersonen von mehr als nur meinen eigenen Worten überzeugen zu können. Ich bin ganz nah dran… (hier mental den Soundtrack von „Küss den Frosch“ einfügen, schön jazzig…)

Naja, aber dennoch werden die Gutachter jetzt sicher nicht mehr kneifen, alles zurückziehen oder alles vergessen. Trotz aller Paranoia bin ich zuversichtlich, dass jetzt Steine ins Rollen gekommen sind. Wheels are in motion, auch ohne dass ICH ständig was tun muss. Endlich sind auch mal andere in die Pflicht genommen worden, auf mein konstantes Quengeln zu reagieren. Sobald ich dann das erste Gutachten habe, geht, wenn mein Therapeut nicht auch noch was dazu legen will, mein erstes ganz konkretes Schreiben an die Krankenkasse. Ich lege erste Sachbelege zu Protokoll für die Akten. Ich will mir zustehende Leistungen. Ich will Kostenübernahme für Hormone, und ich will die provisorische Kostenzusage für eine geschlechtsangleichende OP. Und das darf gerne gestern passieren. 1,5 Jahre warten ist anstrengend. Wenn man schon selber endlich den Mut zusammen bringt etwas durchzuziehen und dann 1,5 Jahre wartet, wird es wirklich anstrengend. Dies ist die wahrscheinlich anstrengendste Zeit überhaupt, so kann ich es mir vorstellen. Klar, das öffentlich weiblich erscheinen gegenüber meiner Tochter und dem Arbeitgeber wird noch ein schwerer Brocken. Und die anstrengende OP wird der größte Brocken. Ich werde sicher nervös sein, Angst schieben, meinen letzten Lebensmut zusammen nehmen müssen um das durchzustehen. Aber – darauf zu warten dass man bald turbulente Zeiten erleben wird – das ist das schlimmste. Man weiß schon, was auf einen noch zukommt. Man möchte es endlich vollbringen und durchstehen. Und man wartet …. wartet … wartet …

Nach 1,5 Jahren kann ich mit Gewissheit sagen, dass das Warten vermutlich die schlimmsten Tortouren in solch einer Transition sind. Vorfreude, die noch nicht erfüllt wird. Angst, die noch nicht ihren Auslöser getroffen hat. Hoffnungen, die unbestätigt im Raum schweben. Es ist zermürbend. Ein Leben währt nicht ewig. Ich werde bald 36. Und immer noch stecke ich im falschen Körper, obwohl ich schon vor meinem 35. Geburtstag zu Handlungen bereit war. Hier muss dringend etwas an der Prozedur des Transsexuellengesetzes geschehen. Das ist einfach grausam. Ich mag ein Stehauf-Mädchen sein (hehe, -männchen fand ich gerade irgendwie unpassend), aber wie viele da draußen geraten in solchen Situationen in eine tiefe Depression, weil sie sich hilflos ausgeliefert und nicht beachtet fühlen? Wie viele begleitende Therapien für Transidente haben praktisch eher den Zweck, die Verzweiflung in der Wartezeit ertragen zu lernen? Ich möchte eigentlich gar nicht, dass man mir Händchen hält. Ich bin schon ein großes Mädchen. Ich möchte schlicht einfach mal ernst genommen und behandelt werden. Ich habe Anspruch auf Leistungen. Ich habe genug Zeit vergeudet meine Meinung NICHT zu ändern. Es ist klar und eindeutig, wo die Reise hinführt. Alles andere ist jetzt wirklich nur noch blockierende Bürokratie. Unsinnige Bürokratie. Genau solche, die niemandem mehr nütze ist und nur unnötig das Unvermeidliche herauszögert. Hier geht das Gesetz zu pauschal und nicht individuell genug vor. Wenn ich zur Krankenkasse marschiere und äußere, dass ich Transgender bin – sollte es eigentlich eine Broschüre geben, in der ganz klar drin steht, welche Schritte zu tun sind. Abarbeiten, glücklich werden. Das würde sowohl den Krankenkassenmitarbeiterinnen (die mit meiner Anfrage letztes Jahr ganz offensichtlich nicht vertraut und völlig überfordert waren), als auch den Betroffenen helfen den Weg zielgenau und richtig zu gehen. Es kann nicht sein dass ich „googeln“ muss wie es bei anderen zufällig „funktioniert“ hat. Ist das ordentliche Information? Verzeihung, aber wenn ich jemanden verklagen will gehe ich auch zu einem Anwalt oder einer Beratungsstelle und kann mich rechtsverbindlich und offiziell informieren. Damit ich WEIß was ich einzuhalten und zu tun habe. Stochern im Dunkeln, unnötige Gänge, Warte- und Laufzeiten sowie das Informieren in unverbindlichen Foren und Webseiten, die von Privatmenschen betrieben werden und nur „Tipps“ geben, sind nicht das, was man als Bürgerin eines Rechtsstaats als einzig verwendbare Quelle erwartet. Das ist unbefriedigend. Tatsächlich empfinde ich gerade das erste mal in meinem Leben das Bedürfnis, mich politisch irgendwie zu engagieren. Und das erfrischenderweise nicht mal aus Eigennutz. Für mich ist der Zug eh bald abgefahren. Aber für alle, die nach mir folgen, muss es nicht die gleiche Tortour werden. Ich finde das nicht fair. Man fühlt sich absolut nicht ernst genommen und im Kreis geschickt. Und man sucht verzweifelt die Brotkrumen zusammen, die man hinterher benötigt, um sich Gehör zu verschaffen.

Aber genug Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeschöpft.

Es passiert im Hintergrund etwas. Und ich bin froh, dass es auch ohne mich mal ein Stück weit weiter geht. Ich bin müde ständig nur allem nachzulaufen. Ich hätte gerne wieder etwas Lebensqualität zurück. Hoffentlich ist das in 2-3 Jahren der Fall, wenn ich bekommen habe was ich brauche. Dann kann ich endlich mehr als nur 50% meines Lebens selber leben und bestimmen.

Und ja, das klingt wieder völlig überdramatisiert. Könntet ihr in meinen Kopf gucken wäre es verständlicher, warum das Kämpfen um die eigene Identität einfach schwer zu bagatellisieren ist und ganz von selbst verdammt viel des Gedankenguts vereinnahmt. Es geht nicht um einen Job, einen Pass, eine Genehmigung… es geht um die grundsätzliche Identität. Damit zu jonglieren und diese nicht definiert zu wissen ist innerlich das Nichterfüllen eines Grundbedürfnisses. $1,1; die Würde des Menschen. Das ist nicht umsonst die ALLERERSTE Zeile unserer Gesetzgebung. Weil unsere Würde ein Grundbedürfnis ist. Wenn ihr verhungern würdet oder nicht wüsstet wo ihr morgen schlafen würdet, könntet ihr euch noch ungehindert mit anderen Dingen beschäftigen, oder würde das ganz klar in den Mittelpunkt eures Lebens rücken – Essen finden, Schlafplatz finden…??

Sicherlich ist die sexuelle Identität scheinbar ein Luxusding – aber es definiert wer wir sind, wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie diese uns einordnen, und wir die Grundtriebe wie Liebe und Sexualität befriedigen. Also geht es doch um absolute Basics. Und diese sind für fast alle Menschen irgendwie klar definiert. Man ist etwas, man hat Bedürfnisse nach etwas, und danach strebt man und lebt man. Für alle klar. Außer für ein paar einzelne wie eben auch mich. Ich kann/darf noch nicht klar artikulieren was ich überhaupt bin. Und demnach ist es schwer sich in diese Rolle hineinzufügen und aus ihr heraus seine Bedürfnisse herauszulesen und nach Befriedigung zu suchen. Es fängt beim banalsten Thema an; ich wäre jetzt so weit zu erschnuppern, ob ich mit einem Mann eine Beziehung führen könnte. Weil ich (persönlich! nicht voreingenommen generell!) es für mich irgendwie natürlicher finde, wenn Männlein und Weiblein zusammen finden. Klar habe ich bi-Tendenzen, aber eher experimenteller Natur. Ich würde gerne, da ich ja eine Frau bin, den Gegenpol Mann als Beziehungspartner suchen. Doch ich BIN faktisch noch zu wenig Frau. Abgesehen davon, dass ich mit einem Mann sexuell nicht das tun könnte, was ich ALS FRAU mit ihm gern tun würde (nein, die „Notlösungen“ sind NICHT das gleiche!), würde mich auch kaum ein Mann natürlich als Frau wahrnehmen. Ich mag mich verkleiden und schon spielerisch zeigen, dass ich weiblich bin, aber mein Körper strahlt noch zu viele Interferenzen aus, die nicht nur ihn, sondern auch MICH irritieren. Das im Spiegel ist nun mal ein Kerl, und ich bin eine Frau. Da fehlt noch was. Ich bin eben NICHT eine neue Interpretation einer Geschlechtsidentität, die es ebenso gibt und Anerkennung und Integration verdient, sondern wirklich mental ganz klassisch Frau. Ich MÖCHTE gar nichts anderes, besonderes sein. Ich bin tatsächlich einfach genau das andere. Simpel. Greifbar. Gebt mir lang genug die gegensätzlichen Hormone, eine Vagina und Brüste, radikal reduzierte Körperbehaarung und ich bin glücklich. Bämm. Dann kann ich auch mein Leben danach ausrichten, wie mein Kopf und mein Körper funktioniert, und aus dieser Perspektive ein Leben aufbauen und meinen Zielen und Bedürfnissen nachgehen. Und auch meine Mitmenschen können daraus ablesen, wer oder was ich bin und was von mir zu erwarten ist. Ich möchte keinen Partner, der auf feminine Kerle steht und mich somit attraktiv findet, weil ich das schon bald nicht mehr sein werde. Ich bin aktuell ein Zwischenprodukt, das ich nicht anbieten kann, weil es sich noch ändert. Man soll nicht mein jetziges Ich begehrenswert und liebenswert finden. Das bin nicht vollständig ich. Der Schmetterling ist noch verpuppt. Wer auf Raupen steht wird sich UND mich enttäuschen. Weil ich bald ein Schmetterling bin. Wo stehe ich also? Nirgendwo. Ich warte… und hier dreht sich alles wieder im Kreis.

Getrennt lebend, bald geschieden, und ehrlich gesagt scharf darauf mit Mitte Dreißig endlich mein neues, endgültiges Leben zu beginnen – aber aktuell in der Warteschleife. Obwohl ich schon einige der NEUEN Bedürfnisse spüre. Aber so nicht leben kann. NOCH nicht. Arrrrrg.

Und in so einem Wirrwarr 1,5 Jahre zu verharren IST eine lange Zeit.

Aber Steinchen rollen. Es ist Licht am Ende des Horizonts. Es wird der Tag kommen an dem ich verdient stolz auf mich sein kann das alles überstanden zu haben ohne einzubrechen. Und auch jetzt schon kann ich stolz sein. Es hätte schneller gehen können, hätte ich schneller die richtigen Ansprechpartner gefunden, wäre ich noch hartnäckiger gewesen, hätte ich weniger schleifen lassen – aber das ist jetzt egal. Durchhalten. Es wird geschehen. Bald. Keine Diskussion.